Litauer Geschichten vom April 2010
Aktualisiert (Dienstag, 30. November 1999 um 01:00) Geschrieben von: Thomas Hartmann Mittwoch, 02. Juni 2010 um 12:58
Von Stephan Aleith über die Litauenfahrt im April 2010
Litauer Geschichten
Genau so nennt sich der Titel eines Buches von Herrmann Sudermann, mit dem ich mich auf meine erste Fahrt nach Litauen einstimmte und mir vornahm, dort die letzten Kapitel zu lesen. Aber es kam völlig anders…
Am Dienstag nach Ostern machten sich also eine Handvoll Blankenfelder und der Pfarrer Wenzel von Koserow/ Usedom mit seinem Sohn, auf nach Kretinga. Im Fähranlegehafen lag sie schon, die Fähre auf der wir 18 Stunden unseres Lebens verbringen sollten und ein Hauch von Abenteuer wehte schon über der ganzen Atmosphäre, ist es doch keine typische Urlaubsroute, die wir einschlugen. Kalt wehte schon der Wind von Osten und die frühlingshafte Sonne wärmte nur schwach, so daß wir unser nachmittägliches Picknick kurz hielten, um uns unter Deck aufzuwärmen…
Das Schiff nahm Fahrt auf und schlug den Weg ein, den einst die „Wilhelm Gustloff“ in umgekehrter Richtung einschlug, um tragischer weise ihr Ziel nie zu erreichen. Nach erquicklichem Schlaf und kräftigem Frühstück kamen wir am nächsten Morgen pünktlich im Hafen von Klaipėda an, manche kennen die Stadt wohl noch unter dem Namen Memel. Der Nebel ließ uns die Hand nicht vor Augen erkennen aber wir gaben nicht auf und fanden die Ausfahrt nach einigem Suchen, nahmen die Fahrt mit unserem forschen „Kirchenbus“ auf und kamen nach einer guten halben Stunde in Kretinga an. Hier wurden wir freudig von Ruta und Arunas empfangen, die uns persönlich und aus Erzählungen doch reichlich bekannt sind. Sie sollten auch unsere Begleiter für die nächsten Tage sein.
Nachdem die Gepäckstücke in unserer gastlichen Pension untergebracht waren, bereiteten wir der Stadt Palanga einen ersten Besuch. Durchgefroren und etwas fuß lahm, kehrten wir in eine Wirtschaft ein und machten erste Bekanntschaft, mit den in Litauens Restaurants beliebten TV- Bildschirmen. Grelle Lautstärke prallte uns hier entgegen, so daß wir nicht recht wussten, ob wir erwünscht waren. Nach einigem Zureden auf Deutsch, Englisch und der internationalen Zeichensprache, reduzierte die Bedienung mit sichtlichem Widerwillen die Lautstärke um einige kleine Dezibel. Der Stockfisch schmeckte uns dafür umso mehr und nach einem Glas Bier waren wir gänzlich versöhnt. Der anschließende Spaziergang zum Bernsteinmuseum fand allseitiges Gefallen und ließ uns all die schönen Steine bewundern, die zufällig(?) von Menschen am Strand entdeckt und geborgen wurden.
Der nächste Tag sollte ein Höhepunkt unserer Reise werden. Und so segnete Gott ihn auch mit besonders angenehmen und schönen Wetter. Wir fuhren zur Kurischen Nehrung! All die Geschichten, Erzählungen und Berichte sollten nun durch wirkliches Betreten geheiligt werden. Abgesehen davon, daß wir dafür bezahlen mussten, verlief die etwa 10- Minütige Fährüberfahrt reibungslos und ungefährlich. Die Nehrung ist ohne Visum bis zum russisch verwalteten Teil begehbar und so erreichten wir Nidden- die Litauischen Menschen nennen den Ort Nida- an einem sonnigen Vormittag. Die landschaftlichen Eindrücke waren überwältigend, nachdem wir eine Anhöhe teils erfahren, teils erklommen haben. Soviel natürliche Schönheit in seinem ursprünglichem Zustand, ist nur noch selten zu sehen! Der Abstieg und die kurze Wanderung zum Ort zurück, zeigten uns weitere Naturwunder. Der kleine Fischerort Nidden hat auch eine kleine evangelische Kirche, die wir ebenfalls, leider nur von außen besichtigen konnten. Eine richtige evangelische Kirche ist nun mal wochentags verschlossen! In Nachbarschaft liegt der ebenfalls kleine Friedhof, von Lovis Corinth gemalt, über dem ein leichter Hauch der Geschichte weht und auf dem Litauer und Deutsche gemeinsam ruhen. Thomas Mann liegt dort zwar nicht begraben, er scheute aber nicht die Mühe, über 1500 km von seinem Wohnort München zurückzulegen, um zur Sommerfrische hierher zu fahren. Mehrere Sommer sollten ihm gegönnt sein, die er in seinem neu erbauten Ferienhaus an exponierter Stelle verbrachte, bis er seinen Weg ins Exil antrat. Auch wenn die Bekanntschaft mit der Kurischen Nehrung nur sehr flüchtig war, so war sie doch umso heftiger und eine große Liebe kündigte sich bei mir an. Die Rückfahrt nach Kretinga, nur vom Kauf zweier Räucherfische unterbrochen, fiel dann auch etwas wehmütig aus und allein die abendliche Einladung der Evangelischen Kirchengemeinde Kretinga ließ uns voller Erwartung sein…
Zurück in Kretinga, hatten wir noch etwas Zeit zur Besichtigung eines Projektes, welches auch von einigen Blankenfeldern unterstützt wird- der Umbau eines alten Zweifamilienhauses zu einer Suppenküche und Begegnungsstätte. Der Träger ist die gemeinnützige SANDORA- Gesellschaft, die im ganzen Land soziale Projekte betreibt. In diesem Fall ist das Vorhaben schon recht weit fortgeschritten und wartet noch auf einige finanzielle Mittel, die im Moment aufgrund der Wirtschaftskrise nicht so leicht fließen. Es ist schon ergreifend, daß auch in einem ärmeren Land, der Ärmsten gedacht wird und nichts haben wir dem Umbau mehr gewünscht, als das er bald zu Ende geht und das Haus seiner Bestimmung übergeben wird.
Kretinga hat im Stadtzentrum zwei Kirchen, ein große, prächtige Anlage der Franziskaner und eine kleine, schlichte Backsteinkirche unserer evangelischen Schwestern und Brüder. Zur letzteren gingen wir jetzt, um einer freundlichen Einladung nachzukommen. Wir wurden herzlich empfangen und man bewirtete uns mit zahlreichen Köstlichkeiten der litauischen Backkunst. Soweit es sprachlich möglich war, unterhielten wir uns bestens und stellten gegenseitig Fragen über den Lebensalltag, Politik, Religion und spürten am Ende eine Art Nähe und Verwandtschaft. Es war ein schöner Abend den wir vorerst nicht vergessen werden.
Für den nächsten und leider auch letzten Tag in Litauen, verabredeten wir einen Stadtrundgang in Klaipėda. Es war ein ungemütlich kalter und regnerischer Tag, an dem wir vormittags unseren Spaziergang begonnen. Geführt von Arunas liefen wir durch die fast leeren Straßen, besuchten ein Leinengeschäft, um mit einheimischer Kunst die daheim am Herd gebliebenen Ehefrau zu überraschen. Anschließend sahen wir ein großes Rasenstück, welches mit einer Hecke bepflanzt, den Umriss der einst prächtigen Johanneskirche markierte- kurz nach Kriegsende war sie verschwunden- russische Freunde halfen dabei. Geblieben ist das Gemeindehaus und als solches erkennt man es noch deutlich, in einer Mischung aus Profan- und Wohngebäude. Dicht dabei auch ein Haus des Diakonievereins von Klaipėda. Es ist eine schöne und gepflegte Stadt, ohne besprühte Wände und insbesondere in der alten Bausubstanz erkennt man die preußischen Wurzeln. Das anstehende Mittagessen nahmen wir in einem gemütlichen und mit überdimensionalen Bildschirmen ausgestatteten Restaurant ein. Hier ließ ich auch unbewusst und durch vielfältige Eindrücke abgelenkt, meine gute Kamera zurück. Danach besichtigten wir noch das Theater, in dem bereits Richard Wagner für zwei Jahre tätig war und das derzeit gerade umgebaut wird. Den Erlebnisreichen Tag beendeten wir mit einem Besuch in der legendären Jazzkneipe, in der gerade ein Nachwuchswettbewerb stattfand und hörenswerte Musik erschallte. Ein krönender Abschluss unseres Besuches in Litauen.
Die Rückreise führte uns über Land. Wir umfuhren den russischen Teil Ostpreußens und steuerten direkt nach Masuren. Hier legten wir einen Zwischenhalt in Steinort ein, um das ziemlich brüchige Schloss und Anwesen der Familie Lehndorff zu besichtigen. Der letzte Eigentümer war an dem Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt und wurde daraufhin enteignet und hingerichtet. Weiter ging es über Allenstein, wo wir das Nachtlager in einem Hotel aufschlugen und die einzigen Gäste zu sein schienen. Nun stand uns noch eine etwa 9 stündige Autofahrt bevor, die uns über Landstraßen in mal gutem und mal weniger gutem Zustand führten. Es wurde eine lange aber ruhige Rückfahrt, die nur von wenigen Höhepunkten unterbrochen wurde, zum Beispiel als Frau Teschner den guten Käse auswickelte und alle Insassen des Kleinbusses an Gesichtsfarbe verloren. Am Abend kamen wir wohlbehalten in Blankenfelde an. Noch ganz benommen von all den Eindrücken, nahm ich mir Sudermann`s Litauer Geschichten und las die letzten Kapitel.


